Heimatgeschichten: Die „Tempelbrücke“ bei Beuren - Blog der Familie Schuster aus Heiligenstadt - Heiligenstadt im Eichsfeld

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Heimatgeschichten: Die „Tempelbrücke“ bei Beuren

Heiligenstadt im Eichsfeld
Herausgegeben von in Eichsfeld ·
Tags: Beuren
Der Aufschwung des Ortes Beuren begann mit einer Kirchen- und Klostergründung. Rudolf von Bodenstein ließ Mitte des 12. Jahrhunderts eine Kirche in Nähe seiner Stammburg, dem Bodenstein, in Niederbeuren bauen. Die St. Andreas geweihte Kirche stattete er mit umfangreichen Besitz aus.

Sein Enkel, Konrad von Bodenstein, der sich später nach dem Ort Beuren nannte, stiftete 1200 an der Kirche das heutige Kloster Beuren. Der spätere Hildesheimer Domkantor war zugleich erster Probst des neu gegründeten Klosters. Papst Innozenz III. erkannte am 3. Februar 1208 die Klostergründung an.

Am alten Fußweg zwischen Beuren und Wingerode befindet sich eine Brücke, die im Volksmund die „Tempelbrücke“ genannt wird. Laut mündlicher Überlieferung sollen die Tempelritter in der Nähe eine Niederlassung gehabt haben. Das ist sehr unwahrscheinlich, denn der Orden der Tempelherren existierte von 1118 bis 1312 und fällt somit in das Zeitfenster der Klostergründung. Beuren war ein Frauenkloster, die ersten Nonnen kamen aus dem Zisterzienserinnenkloster Wöltingerode.



An der Brücke haben sich schon so manche unheimlichen Dinge zugetragen:

„Als das Kloster Beuren noch bestand, ging eines Nachts ein Arbeiter von Wingerode dorthin zum Rapsschneiden. Da schon beim ersten Frühlicht mit der Arbeit begonnen werden sollte, legte er sich abends zeitig nieder zum Schlafe, um am Morgen munter zu sein. Noch in der Dunkelheit stand er auf und machte sich auf den Weg. Als er in die Nähe der Tempelbrücke kam, schlug die Uhr vom Wingeröder Kirchturm zwölf. Da merkte er, daß er sich in der Zeit geirrt hatte und zu früh aufgebrochen war. Daher setzte er sich auf die Brücke, lehnte sich an das Geländer, um noch ein Nickerchen zu machen.

Plötzlich, er traute seinen Augen nicht, sah er vor sich auf dem Feld eine hell erleuchtete, prachtvolle Kirche, deren Türen offenstanden. So konnte er hineinschauen und sehen, daß im Inneren des Gotteshauses eine Prozession gehalten wurde. Dem Zug voran gingen vier Männer, in lange weiße Mäntel gehüllt, auf denen grobe rote Kreuze zu sehen waren. Die Männer trugen auf ihren Schultern in einem offenen Sarg einen Toten, und eine Anzahl gewappneter Ordensritter folgte ihnen. Nachdem der Sarg im Chor der Kirche niedergesetzt worden war, trat ein Priester zum Altar und las eine heilige Messe. Als diese zu Ende war, nahmen die vier Männer den Sarg wieder auf ihre Schultern, und der Zug entfernte sich durch eine Seitentür. Noch immer sah der Mann auf der Brücke und schaute verwundert auf das hell erleuchtete Gotteshaus, doch nichts regte sich mehr. Er stand auf, ging auf das Portal zu, um einzutreten. Doch kaum setzte er seinen Fuß auf die erste der Treppenstufen, hörte er die Turmuhr eins schlagen – und so plötzlich wie die Erscheinung gekommen war, verschwand sie auch wieder. – Doch der Schnitter war nicht der einzige, der dieses nächtliche Bild gesehen haben will. Wenn im allgemeinen das Volk auch an die Wahrheit solcher Erzählungen glaubte, so gab es doch auch Zweifler. Von einem solchen wird berichtet:

Als einmal zu nächtlicher Stunde ein junger Mann des Weges kam und es vom Turm die mitternächtliche Stunde schlug, dachte er an die unheimlichen Geschichten, die von der Tempelbrücke und ihrer Umgebung erzählt wurden. Da er keine Angst hatte, blieb er auf der Brücke stehen und wollte einmal sehen, ob sich etwas ereignen würde. Als er eine Zeitlang gewartet hatte und nichts geschah, rief er übermütig in die Dunkelheit:

„Ihr Tempelherren, kommt heraus, wenn ihr da seid – laßt euch sehen!“ Während er rief, war er davon überzeugt, dass auch weiterhin nichts geschehen würde. Doch kaum waren seine Worte verklungen, als ihm irgendetwas auf den Rücken sprang und ihm unaufhörlich Ohrfeigen verabreichte – rechts und links – und links und rechts. Als der Bursche sich von seinem ersten Schrecken erholt hatte, wollte er davonlaufen. Der Unbekannte auf seinem Rücken aber ließ nicht locker. Erst als die Turmuhr die Mitternachtsstunde beendete, verschwand das Gespenst, und der junge Mann konnte seinen Weg fortsetzen. Nie wieder hat er an der Wirklichkeit der Tempelherren gezweifelt.“

Quelle: Rudolf Linge: „Der Hahn auf dem Kirchturm“ – 1978


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