Heimatgeschichten: "Die Pilze“ bei Geismar - Blog der Familie Schuster aus Heiligenstadt - Heiligenstadt im Eichsfeld

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Heimatgeschichten: "Die Pilze“ bei Geismar

Heiligenstadt im Eichsfeld
Herausgegeben von in Eichsfeld ·
Tags: Geismar
Geismar wurde im Jahre 1269 erstmals schriftlich erwähnt. Die althochdeutschen Wörter „Gisan“ und „mari“ bedeutet so viel wie „Sumpfige Gegend mit vielen Quellen, in denen Luftblasen aufsteigen“. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde der Ort 1641 bis auf 4 Häuser vollkommen von den schwedischen Truppen niedergebrannt. Bekanntester Sohn des Dorfes ist der Bekennerbischof Konrad Martin, der hier 1812 geboren wurde.

Passend zur Namensdeutung des Ortes erzählt man sich vom kleinen Hügel am westlichen Ausgang des Dorfes in Richtung Ershausen folgende Geschichte:

„Am westlichen Ausgang des Dorfes Geismar, nahe dem kleinen Berg, der Iberg genannt wird, erhebt sich in der Feldflur ein flacher Hügel. Die Landstraße nach Ershausen führt im rechten Winkel um ihn herum, doch kein Weg geht hinauf zu dem fast kreisrunden Platz, der mit Rasen bewachsen und von einem Kranz grüner Lärchen und Fichten umstanden ist. Verlassen liegt dieses Rondell und nur selten betritt einmal jemand seinen Boden.
Doch vor vielen, vielen Jahren soll das anders gewesen sein. Das junge Volk aus dem Dorfe zog des Abends sehr oft herauf, um hier zu tanzen. Das ging dann bis spät in die Nacht hinein. Die Eltern sahen es nicht gern, dass ihre Kinder die Abende hier oben verbrachten, denn nach alter Überlieferung sollte es hier nicht mit rechten Dingen zugehen. Sie warnten die Kinder und verboten ihnen diesen Platz, aber die Jugend ließ sich nicht abhalten. Eines Abends im Frühling, es war der Vorabend des ersten Mai, konnten die jungen Leute gar kein Ende finden. Der Abend war schwül, die Sonne war mit goldenem Schein hinter den Bergen versunken und nun schien der helle Mond und leuchtete den unermüdlich tanzenden Paaren. Betäubender Frühlingsblütenduft lag über dem stillen Tal und über der Felsschlucht an der Rosoppe ertönte das Lied einer Nachtigall. Die jungen Leute wirbelten wie toll durcheinander und immer wieder klang ein heller Jauchzer auf. Heute machte das Tanzen so besonderen Spaß, weil ein fremder, fahrender Geselle dazu aufspielte. Seine Geige schluchzte und jubelte in bezaubernden Klängen und die Töne quollen so wunderbar klar und rein unter dem Bogen hervor, dass es eine Lust war. Des Spielmanns schwarzer Mantel, innen mit leuchtend roter Seide ausgeschlagen, wehte im Abendwind und auf seinem Barett nickte im Takt des Spieles eine lange, bunte Hahnenfeder. Ein schwarzer Bart verdeckte das Kinn und die funkelnden Augen sprühten ein unheimliches Feuer. Unten auf der Straße zeigten sich immer wieder Eltern, ein besorgter Vater, eine ängstliche Mutter, die riefen und die Kinder zur Heimkehr bewegen wollten. Die jungen Leute aber lachten nur und wilder und ungestümer schwangen die Burschen ihre Mädchen. Und immer wilder und ungestümer strich der fremde Geiger seinen Bogen. "Heißa! Hussa!", rief er dazu, "immer lustig"! Juhuu! Juhuu!" Im Chor antworteten die Tänzer: "Heißa, Juhu! Juhu!"
In ihrer ausgelassenen Stimmung bemerkten sie nicht, wie sich im Westen eine dunkle Wetterwolke zusammenballte und schnell näherkam. Dann fegte schnaubend der Westwind durch das Tal und schon fielen die ersten schweren Regentropfen. Der Spielmann schwitzte; um sich abzukühlen, schob er mit einem Ruck das Barett zurück – und zum Vorschein kamen zwei Hörner. Jemand hatte sie gesehen. Ein Schrei hallte über den Platz: "Der Teufel...!"

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Entsetzt stand alles still, dann schrie es angstvoll und erschrocken durcheinander: "Der Teufel! Der Teufel!" Da schlug die Turmuhr im Dorfe Mitternacht. Ein greller Blitz zerriss das Gewölk und ein furchtbarer Donner erschütterte die Luft. Im Licht des Blitzes stand der Teufel wie in höllisches Feuer getaucht, Geige und Bogen erhoben. Dann schien es, als ob sich in den Lüften ein Geschrei, Gewinsel, Fauchen und Johlen erhöbe, als ob alle höllischen Geister losgelassen wären. Und das waren sie auch: Es war ja Walpurgisnacht und das Heer der Hölle war auf dem Weg zum Blocksberg! Plötzlich schwang sich der Teufel zu dem unheimlichen Zug empor und mit dröhnendem Gelächter verschwand er in den Lüften. In den Häusern des Dorfes aber bangten die Eltern – die Kinder waren von dem wilden Tanz nicht heimgekommen. Am anderen Morgen machten sich die Eltern auf, ihre Kinder zu suchen. Doch nirgends waren sie zu finden. Auf dem Tanzplatz standen im weiten Rund lauter Giftpilze: scharlachrote und schneeweiße, schwefelgelbe und grünblaue, genauso viele, wie junge Leute fehlten. Nun erkannte man: Was geschehen war, war ein Werk des Teufels. Einer der Väter sprach es aus: "Hätten die Kinder auf uns Eltern gehört, hätte der Teufel keine Macht über sie gewonnen und sich nicht in diese grässlichen Giftpilze verwandeln können!" Seit dieser Zeit heißt der so wenig besuchte Platz auf dem kleinen Hügel "die Pilze".“

Quelle: Rudolf Linge: „Der Hahn auf dem Kirchturm“ – 1978

© Thomas Schuster 2017


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