Heimatgeschichten: Die „Kalte Linde“ auf dem Zehnsberg - Blog der Familie Schuster aus Heiligenstadt - Heiligenstadt im Eichsfeld

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Heimatgeschichten: Die „Kalte Linde“ auf dem Zehnsberg

Heiligenstadt im Eichsfeld
Herausgegeben von in Eichsfeld ·
Tags: SteinbachEtzelsbachZehnsbergKalteLinde
Von Leinefelde bis ins niedersächsische Etzenborn erstreckt sich der ca. 12 km lange Höhenzug „Zehnsberg“. Er besteht vorwiegend aus Buntsandstein und hat mit dem Kessenberg (ca. 435 m nordwestlich von Leinefelde) seine höchste Erhebung.

An der Landstraße zwischen Steinbach/Etzelsbach und Breitenbach/Hundeshagen befindet sich auf dem „Kalten Lindenberg“ (413 m) die „Kalte Linde“. Hierbei handelt es sich um eine Winterlinde mit einem Stammdurchmesser von 3,60 m und einer Höhe von ca. 25 m. Der Baum wird auf ca. 200 Jahre geschätzt. Der Name stammt vermutlich vom kalten und windigen Wetter auf der Anhöhe des Höhenzuges.

In der Nähe soll sich der Ort Hermannshagen befunden haben, der in einer Schenkungsurkunde der Gräfin Guda von Tonna aus dem Jahre 1191 zusammen mit dem Ort Beringershagen an das Kloster Reifenstein kam.  



Bei der „Kalten Linde“ soll sich eine Räuberhöhle befunden haben, von der man sich folgende Geschichte erzählt:

„Wenn man von Wingerode aus in nördlicher Richtung geht, um durch den Wald nach Teistungen zu wandern, so trifft man oben auf der Anhöhe, inmitten des Waldes, auf einen freien Platz. Dort steht eine Jahrhunderte alte Linde, die ihre knorrigen Äste weit ausbreitet. Man nennt diesen Platz „die kalte Linde“, weil dort fast das ganze Jahr hindurch ein scharfer Zugwind weht. Nicht weit von der Linde entfernt befindet sich eine Höhle, in der vor hundertfünfzig Jahren eine Räuberbande hauste. Sie war weit umher gefürchtet, denn wen sie einmal überfallen und mitgenommen hatte, der war des Todes. Die Räuber hatten, einmal als Warnung, zum anderen aber auch um arglose Wanderer anzumelden, in schlauer Weise unter der Decke ihrer Höhle eine kleine Glocke angebracht. Ging jemand in der Nähe vorüber, so gab die Glocke ein Zeichen, und man konnte unbemerkt Ausschau halten. Erkannten die Räuber einen Wanderer, bei dem sie wertvolles Gut vermuteten, kamen sie hervor, überfielen ihn, schleppten ihn in ihr Versteck, raubten ihn aus und ermordeten ihn. Auf diese Weise war schon manch einer spurlos verschwunden, der einsam über die Höhe gekommen war. Über die Räuber wurden allerhand schlimme Dinge erzählt, aber niemand wusste etwas genaues zu sagen.

Eines Tages wollte eine Wingeröder Bauersfrau Butter nach Duderstadt bringen. Außer ihrer Butter trug sie noch eine größere Summe Geldes bei sich, mit der sie ein Darlehen zurückbezahlen wollte. Da der Wochenmarkt schon frühzeitig anfing, musste sie bereits in der Nacht aufbrechen, um rechtzeitig an Ort und Stelle zu sein. Als sie in die Nähe der kalten Linde kam, hörte sie plötzlich die Töne einer Glocke, die aus der Erde zu kommen schienen. Erschreckt blieb sie stehen, um zu lauschen. Da stand auch schon ein Räuber vor ihr, packte sie und schleppte sie in die Höhle. Ratlos und hilflos schaute die Frau sich um. In einer Ecke sah sie ein unheimliches Gestell, mit Riemen versehen, auf dem offensichtlich ein Mensch angeschnallt werden konnte, an einem Ende zwei senkrechte Balken mit einem Fallbeil.

Angstvoll stand die Frau und zitterte am ganzen Leib. Sie ahnte, was ihr bevorstand. Der Räuber hatte leichte Arbeit, er nahm ihr Korb und Tasche ab und fand keine Gegenwehr. Dann sagte er zu ihr: „Du kennst nun unser Geheimnis. Damit du nicht zum Verräter werden kannst, musst du sterben. Leg dich dort in die Maschine!“ Da flehte die Frau den Räuber an: „Um Eurer Mutter willen, die Euch zur Welt gebracht und als Kind geliebt hat, lasst mir so viel Zeit, dass ich drei Vaterunser beten kann! Dann tut, was Ihr vorhabt.“ Die Frau kniete nieder, hob ihre Arme und fing langsam und mit zitternder Stimme an zu beten. Manchmal soll es bei den hartgesottensten Räubern Stellen im Inneren geben, die alles andere als hart sind. Anscheinend ging es diesem Räuber auch so. Nach dem ersten Gebet, das die Frau gesprochen hatte, wandte er sich einen Schritt ab und ging auf das Mordgerät zu. Die Frau bemerkte dies, sprang plötzlich auf und gab dem unvorbereiteten Mann einen Stoß, so das er in die Maschine fiel. Vor Überraschung konnte der Räuber sich nicht wehren. Mit einem Blick hatte die Frau die Möglichkeit einer Rettung erkannt und zog den Riemen fest, der sich um den Hals des Mannes gelegt hatte. Blitzschnell überlegte nun der Mann, was er in seiner Situation noch tun könnte, dann bat er die Frau: „Ich habe Euch Euren Wunsch erfüllt, nun tut auch mir den Gefallen und reicht mir die Pfeife, die dort am Nagel hängt.“ Er hatte die Absicht, durch einen Pfiff vielleicht seine Kumpane herbeizurufen. Die Frau suchte nichtsahnend nach der Trillerpfeife, und da es in der Höhle nicht sehr hell war, musste sie nah an die Wand herantreten. Dabei berührte sie mit dem Arm einen Strick, der zur Maschine führte – das Fallbeil löste sich und sauste nieder. Der Kopf des Räubers aber fiel zu Boden. Die Frau schrie entsetzt auf. Dann raffte sie ihren Korb und ihre Tasche auf und eilte aus der Höhle. Kaum hatte sie den Waldrand erreicht, als sie Stimmen hörte. Schnell versteckte sie sich hinter einem Baum. Klopfenden Herzens sah sie eine Reihe vermummter Gestalten sich nahen, die schwere Lasten trugen und in der Höhle verschwanden. Schnell begab sich die Frau nach Wingerode zurück und erreichte das Dorf, als die Morgendämmerung den Himmel färbte. Bald war das Abenteuer der Frau im ganzen Dorf bekannt. Die Männer bewaffneten sich mit allerlei greifbarem Gerät, zogen nach der Höhle und hoben das Räubernest aus. Den Räubern wurde unverzüglich der Prozess gemacht, und ihr Leben endete durch die Hand des Henkers.“

Koordinaten: Latitude: 51°25'22.5" - Longitude: 10°15'36.55"

Quelle: Ewald Heerda „Unsere Bäume“ 1994, Dr. Karl Eduard Förstemann: „Mittheilungen aus dem Gebiete historisch-antiquarischer Forschungen“, Band 2, Rudolf Linge: „Der Hahn auf dem Kirchturm“ – 1978

© Thomas Schuster 2017


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