Heimatgeschichten: Das „Steinerne Haus“ des Klosters Teistungenburg in Duderstadt - Blog der Familie Schuster aus Heiligenstadt - Heiligenstadt im Eichsfeld

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Heimatgeschichten: Das „Steinerne Haus“ des Klosters Teistungenburg in Duderstadt

Heiligenstadt im Eichsfeld
Herausgegeben von in Eichsfeld ·
Tags: Duderstadt
In der Marktstraße 91 im Duderstädter Zentrum befindet sich ein barockes Gebäude, der ehemalige Klosterhof des Zisterzienserinnenkloster Teistungenburg. In den Jahren 1751/52 wurde es unter Leitung der Äbtissin Eugenia Fritz als Steinbau errichtet. Die wirtschaftliche Situation des Klosters ließ ein solches Vorhaben zu, um das Gebäude besser vor Feuer zu schützen. Viele Klöster suchten Schutz vor Übergriffen hinter den Mauern der Städte. Wertvolle Dokumente, Güter und Geld wurden in den Klosterhöfen gelagert.

Nach der Auflösung des Klosters, die letzten beiden Nonnen verließen am 16. Oktober 1809 Teistungenburg, wurden die Gebäude säkularisiert. Das Steinerne Haus in Duderstadt traf das Schicksal schon 1802, es kam in den Besitz der Fürsten von Thurn und Taxis und ab 1803 an die preußische Postverwaltung. 1852 zerstörte ein Großbrand hier viele Gebäude, aber das „Steinerne Haus“ blieb verschont. Seit 1908 wird es privat und auch gewerblich genutzt. Über dem Portal befindet sich eine Inschrift und das Teistunger Klosterwappen. Vom Keller des Hauses aus soll laut Überlieferung ein unterirdischer Gang bis nach Teistungenburg führen, den die Nonnen in Kriegszeiten nutzten.

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Vom „Steinernen Haus“ ist folgende Geschichte überliefert:

„Zu der Zeit, als die Zisterzienserinnen noch in Teistungenburg waren, wohnte im obersten Stockwerk des „Steinernen Hauses“ eine arme Näherin mit ihrer Mutter. Sie versah in dein Haus die Stelle eines weiblichen Hausmeisters und hatte dafür freie Wohnung. Die alte Mutter war gelähmt und konnte das Bett kaum noch verlassen. Die Tochter liebte ihre Mutter sehr, aber die Pflege und Betreuung nahm sie sehr in Anspruch, und sie schaffte kaum die viele Arbeit, um den Unterhalt für beide zu erwirtschaften. Sie nähte für fremde Leute nicht nur den ganzen Tag über, sondern auch am Abend und nicht selten bis weit nach Mitternacht. Ihre einzige Erholung fand die Näherin an den Sonntagen, wenn sie sich zu ihrer Mutter an das Bett setzen und mit ihr plaudern oder ihr etwas vorlesen konnte. Aber trotz des Fleißes kehrte große Sorge in die Wohnung ein. Der Verdienst war gering und die Ausgaben für Lebensunterhalt, Arzt und Apotheke umso größer.

Eines Abends zu später Stunde - die Turmuhr der nahen Oberkirche hatte soeben zwölfmal geschlagen und die alte Mutter schlief längst - saß die Näherin wieder fleißig an der Arbeit. Plötzlich ging leise die Stubentür auf, und eine weißgekleidete Nonne trat herein. Das Mädchen war sprachlos vor Schrecken. Die Nonne aber sagte: „Fürchte dich nicht, Kind! Ich meine es gut mit dir. Ich war ehemals Nonne im Kloster Teistungenburg. Als während des Bauernkrieges der Feind das Kloster belagerte, habe ich das bare Geld, das der Konvent damals besaß, durch den unterirdischen Gang hierher gerettet und auf dem Boden dieses Hauses unter einem schweren Stein versteckt. Ich bin dann wieder zum Kloster zurückgegangen. Bald stürmten die aufrührerischen Bauern das Kloster, wobei ich erschlagen wurde. Seit dieser Zeit weiß niemand auf Erden, wohin das Geld gekommen ist. Da du so selbstlos und opferwillig deine alte Mutter pflegst, sollst du den Schatz haben. Komm, folge mir!“ Das Mädchen aber war so erschrocken, daß es sich weigerte mitzugehen. Da verschwand die Nonne. Die Näherin konnte wegen des Schreckens lange nicht einschlafen. Als sie am Morgen der Mutter, die die ganze Nacht gut geschlafen hatte, von der Erscheinung erzählte, meinte diese nur: „Kind, du hast gewiss geträumt.“ Nach acht Tagen, um dieselbe Zeit, erschien die Nonne der Näherin abermals mit der Aufforderung, ihr zu folgen. Das Mädchen ging zögernd mit ihr zur Stubentür hinaus. Dann drehte es jedoch schnell um, schlug die Tür hastig zu und verriegelte sie von innen. Ganz aufgeregt stürzte sie zum Bett der Mutter, weckte sie und erzählte alles. Diese hörte die Tochter ruhig an und sprach: „Du hättest nur mutig folgen sollen, ich glaube, daß an dieser Sache etwas Wahres ist und dass die Nonne uns wirklich helfen will.“ Nach abermals acht Tagen betrat die Nonne um Mitternacht zum drittenmal das Zimmer der Näherin und ermunterte sie wieder dazu mitzukommen. Nach den Worten der Mutter war das Mädchen diesmal mutiger, nahm das Kerzenlicht zur Hand und folgte zögernd der Nonne. Beide stiegen die Treppe hinauf, und die Nonne öffnete die Tür, die zum Dachboden führte. Durch einen starken Luftzug erlosch jedoch plötzlich das Licht. Die Näherin stieß einen Schrei aus und eilte hinunter zum Bett der Mutter. Hier fiel sie in Ohnmacht. Als sie später wieder zu sich kam, erzählte sie zitternd der Mutter, dass sie diesmal der Nonne bis zur Bodentür gefolgt sei. Bei der Öffnung der Tür habe sie eine unheimliche Gestalt bemerkt, die ihr mit dem Finger gedroht habe. Was dann geschehen sei, wisse sie nicht. Das Mädchen erholte sich bald wieder von dem ausgestandenen Schrecken, von der weißen Nonne aber hat sie nie wieder etwas gesehen.

Nach einigen Jahren starb die Mutter, und die Tochter trat als Laienschwester in das Kloster Teistungenburg ein. Bald darauf wurde das Kloster aufgehoben, und das „Steinerne Haus“ kam zum Verkauf. Der neue Besitzer lebte in guten Verhältnissen. Durch allerhand unverschuldetes Unglück geriet er aber bald in Geldschwierigkeiten. Eines Tages kletterte er auf den Boden des Hauses, um nach einem Dachschaden zu sehen. Als er wieder herunterkam, sagte er zu seiner Frau: „Auf der einen Giebelseite des Hauses steht ein Quaderstein hervor, er scheint nur lose eingeschoben zu sein. Wir wollen ihn herausheben, denn wenn er herunterfiele, könnte er den Boden durchschlagen.“

Die Frau folgte ihrem Mann, und mit einiger Mühe gelang es beiden, den schweren Stein zu heben. Doch dabei erlebten sie eine große Überraschung: In einer Aushöhlung stand ein mit Metall beschlagenes Kästchen. Voller Spannung öffneten sie es und sahen es ganz angefüllt mit Gold- und Silbermünzen. Voller Freude eilten sie hinunter in die Stube. Sie schlossen die Tür ab und fingen an zu zählen: Es waren 500 Gold- und ebensoviele Silberstücke. Seit dieser Zeit war alle Sorge aus dem „Steinernen Haus“ gewichen.“

Quelle: Christian Mecke: „Versunkene Schätze des Eichsfeldes“


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