Blog der Familie Schuster aus Heiligenstadt - Heiligenstadt im Eichsfeld

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Der große Stadtbrand von Heiligenstadt am 1. März 1739

Heiligenstadt im Eichsfeld
Veröffentlicht von in Heiligenstadt · 27 Februar 2019
Tags: Stadtbrand1739
Am Nachmittag des 1. März 1739 wurde in der Windischen Gasse in der Nähe des Bergtores ein Feueralarm ausgelöst. Wie es zu dem Brand gekommen war, ist bisher unbekannt. Ob es sich um Kinderbrandstiftung handelte oder ob die Funken des tags zuvor abgebrannten Gasthauses am Bergtor die Ursache war, ist nicht überliefert.

Eine Schilderung des Brandes finden wir in der Stadtgeschichte von Johann Wolf aus dem Jahr 1800. Dieser nutzte als Informationsquelle die Chronik des Jesuitenkollegs. Danach ging der Brand von einer Scheune in der heutigen Steinstraße aus. Ein starker Südwind trieb die Funken bis in die Altstadt. Bereits nach kurzer Zeit standen so viele Häuser in Flammen, dass keine gemeinsame Brandbekämpfung mehr möglich war. Panik, Schrecken und die Angst um Hab und Gut ergriffen die Bürger der Stadt. Gegen 22.00 Uhr drehte der Wind nach Nordost und trieb den Brand in Richtung Geisleder Tor.

Den Hergang schilderte der Augenzeuge und Besitzer der Klausmühle Johann Philipp Wisse in der Familienchronik (übersetzt):
„... Den 1. März brach abermals ein ganz entsetzlicher Brand in Heinrich Adams Scheune aus, dem vierten Haus von der Ecke, wo der Schöllbach seinen Einlauf in die Stadt hat (Steinstraße). Ein heftiger Sturmwind brach abends gegen 17.00 Uhr aus, wodurch das Feuer ungeachtet aller angewendeten Vorkehrungen innerhalb von 30 Minuten die Lange Straße (Wilhelmstraße) hinunter bis zur Ecke am Berg und bis zur ersten Gasse aufwärts reichte. Dann wurde auch die Straße auf jener Seite ergriffen und es standen mehr als 20 Häuser gleichzeitig in Brand.

Es zog sich also das Feuer auf der anderen Seite der Straße bis zur Giekgasse (Göttinger Straße) und zur ersten Gasse, wo der Schöllbach und die Geislede fließt (Kupfergasse) und in dieser Breite bis zum Holzbrückentor (Göttinger Tor).
Gegen 19.00 Uhr kam der Wind von Uder, so dass die Flammen überhandnahmen, dass auch um 22.00 Uhr die Straße schon bis an die Jesuitenschule (Kollegiengasse), die ganze Altstadt, der Freudenberg, der Heimenstein, wo fünf Häuser stehengeblieben sind, nämlich an der Kalkmühle (Felgentor) drei, eins auf dem Jüdenhof und eins weiter herauf vor dem Heimenstein, brannten.
Das Kolleg und sämtliche Ställe und Hintergebäude von dort bis zu der Mauer, bei der die Geislede den Einfluss in die Stadt hat (Scheuche) und auch meine Klausmühle lagen in Asche. Die Flammen drangen ebenfalls von den Hintergebäuden in die Wohnhäuser an der Straße. Es dauerte etwa zwei Stunden, bis das letzte Haus am Geisleder Tor zusammengefallen war.

Nun war zwar die ganze andere Seite bis dorthin, wo das Feuer aufgekommen war noch frei und durch beständiges Löschen aufgehalten worden, aber das Verhängnis, welches damals über Heiligenstadt bestimmt war, ließ auch diese dann nicht unbeschädigt bleiben.
Eine Scheune, Jacob Meier, einem Ratsherren zugehörig, mit etwa 40 bis 50 Schock Stroh, geriet in Brand und er weitete sich so aus, dass alle Mühen vergebens waren und die ganze Stadt morgens früh um 2.00 Uhr in Asche lag, also 405 Häuser ohne Scheunen und Ställe danieder lagen.

Es blieben demnach nichts als die Windische Gasse mit beiden Seiten, die Giekgasse, eine Seite des Knickhagens und eine Reihe Häuser bis zum Holzbrückentor (Göttinger Tor).

heiligenstadt.net

Zum großen Glück blieben die Kirchen, und die Liebfrauenkirche (St. Marien) wurde durch den Opfermann Heinrich Brauhort gelöscht, welcher unbeschädigt von dem Dach in das Beinhaus und somit in den Garten gefallen ist.

Von Menschen kam ein einziger zu Schaden, der Student Franz Fütterer, ein Bürgersohn, welcher sich närrisch aufführte. An Vieh ging vieles zugrunde und durch das Brüllen, Schreien und Blöken wurde der Zustand noch kläglicher. Zudem war das Lamentieren der Menschen außerhalb der Stadt mit den Fuhrwerken und den wenigen geretteten Habschaften mit Bewegung anzusehen.

Es war alles in Bewegung und die Stadt, welche ich mit meinem Schwager, dem ehemaligen Regierungsregistrator und -sekretär Vogt auf einer Anhöhe über der Stadt in Augenschein genommen habe, war als eine feurige See und ein Meer von Flammen anzusehen. Mancher hatte nur „eine Hand voll Futter“, da auch noch ein durchaus schlechter Frühling hinzukam. Man sah sich um nach „Holz zum Bauen“, um wenigstens das Vieh sicher unter Obdach zu bringen. Die Kälte muss da auch groß gewesen sein, denn in frisch gebauten Ställen fand ich so viel Reif, dass ich einen kleinen Schneeball davon machen konnte. Hierauf folgte eine so beklemmende Zeit, dass ich das Schock Rüben in einem Dorf unweit Mühlhausens für 6 Reichstaler auf der Stelle bezahlen musste. …“

Am nächsten Morgen bot sich dem Betrachter ein Bild der Verheerung. Von den vorher ca. 600 Häusern waren nur noch 115 übriggeblieben. Lediglich der Bereich von der Windischen Gasse über Bergtor, Stift und Knickhagen war in Form eines Dreieckes verschont geblieben. Vieh, Hausgerät, Vorräte und Kleidung waren mit den Gebäuden verloren. Auch das alte Rathaus, Kolleg u. a. Profanbauten waren ein Opfer der Flammen geworden. Die Bürger hatten in den verschonten Häusern und in den umliegenden Dörfern Unterschlupf gesucht. Ein großer Teil der Bevölkerung hauste aber in den Kellern unter den Brandstätten. Sehr aussagefähig war der Brief der Heiligenstädter Verwaltung vom 6. März 1739 an den Mainzer Landesherren. Er schildert den Brand mit seinen Folgen, läßt aber auch Rückschlüsse auf die Lage nach dem Brand zu.
Allein der Auftakt, „wie und welcher Gestalt hiesige vorher schon arme Stadt...“ zeigt, dass die Stadt ohnehin schon Probleme hatte. Aber dieser Brief enthielt auch bereits den Vorschlag an den Kurfürsten, „den abgebrannten Distrikt in Riß (Zeichnung) zu bringen und diesem nach zu überlegen, wie weit vormaliger Deformität (Mißgestaltung) bei künftigem Wiederaufbau in ein- oder anderem vorgebogen werden könne“. Zur Finanzierung dieses Wiederaufbaus war der Landesherr nicht sehr großzügig. Hier war die Stadt auf die Hilfe der Nachbarstädte Mühlhausen, Nordhausen u. a. angewiesen.

Doch zunächst galt es, das Eigentum der Bürger vor Plünderung bzw. Diebstahl zu retten, was durch eine Verordnung der Städteregierung vom 16.3.1739 geregelt wurde. Sie beinhaltete auch die Ablagerung und den Transport von Bauschutt und Baumaterial zum Neuaufbau. Beim Abbruch des städtischen Weinkellers (heute Rathaus) ergab sich ein Zustand, „dass die Fuhren nicht vorbei konnten und auch das Vieh nicht ohne Gefahr vorbeigetrieben werden konnte“ und bei unsachgemäßer Lagerung wurde verfügt, „dass solches Holz z. B. auf ihre Kosten (der Bauherren) vors Tor hinausgebracht werden solle“.

Quelle:  Aus der Festschrift 1992 „Heilbad Heiligenstadt im schönen Eichsfeld“ - Bild: Hausflur des Gebäudes Wilhelmstraße 40 (Praxis Hautarzt Pawlak) - Karl-Josef Gerling


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