Blog der Familie Schuster aus Heiligenstadt - Heiligenstadt im Eichsfeld

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Der Heiligenstädter Karl Stitz berichtet von der Windischen Gasse in Heiligenstadt um 1880 (1)

Heiligenstadt im Eichsfeld
Herausgegeben von in Heiligenstadt ·
Tags: WindischeGasse
„Da streiten sich, die Leut` herum: Geht der Name Wendische Gasse auf die alten Wenden zurück? Sie behaupten, St. Ägidius, der Patron der Neustädter Kirche, sei auch der Schutzheilige eben dieser Wenden gewesen. Oder heißt sie Winsche Gasse, von Wind? Vor 60 Jahren stritt man sich nicht. Damals wußte man, sie war ein Idyll, die Win`schegassen. Wenn die Hirten bliesen und tuteten, folgten ihnen mindestens 40 Kühe. Sie kamen durch enge Hauseren, treppab, und Ziegen waren es noch mehr. Schweine kamen auch und eine unzählbare Schar Gänse. Der Gänsestall im Armenhause konnte nicht einmal die alle fassen, die bei Dr. Koppen oder an sonst verbotenen Stellen grasten. Sie wurden von Polizist Kramer eingesteckt und gegen eine Buße von 10 Pfennigen pro Stück wieder freigegeben. Die Jungen sahen sehr darauf, den stärksten Gänserich zu besitzen. Die Ganserkämpfe mußten den Beweis erbringen.

Ganz Schlaue halfen mit Knoblauch und Schnaps nach. Sie glaubten, dadurch würde ‚die wilde Wut‘ gesteigert. Polizist Kramer kam oft in die Windische Gasse. Er läutete eine große Schelle und machte bekannt: Der Pferdeschlachter Kaufhold hat ein Pferd geschlachtet und empfiehlt frische Wurst und ‚Jahacktes‘. Später übernahm der Polizist Ludolf das Bekanntmachen. Polizist Welke war auch noch da, aber er war weniger gefürchtet, weil er schon sehr alt war. Später kam noch Staufenbiel. Weil er sich Polizei-Oberwachtmeister nannte, hatten die jungen heillosen Respekt vor ihm. Er war sehr scharf auf die Knäblein, die sich pfeifend umhertrieben.

Kommissarius Herold, der das Pfeifen nicht leiden konnte, hatte ihn aufgestachelt. Franz Gutbier konnte am besten pfeifen - vorwärts und rückwärts. Wenn er freihändig über den Eckstein an Breitenbachs Ecke sprang, staunten alle Jungen. Dann kam aber der alte Schuster R. mit dem Spannriemen raus. Er hatte seinen Kummer mit den bösen Jungen. Einmal schnappte ihm einer den Kreisel in die Fensterscheibe. Wie der Blitz stand er vor der Tür und sagte: ‚Worte, jetzt kriester!‘ Ein andermal kam ein Erntewagen die Gasse herunter ins Rollen, die Deichsel rannte vor die Hausecke und durchs Fach hindurch bis vor den Schusterschemel. Mit einem Satz stand er draußen: ‚Das worr bole min letztes!‘

Martinstag hatte jeder Junge eine Peitsche; Michel Kapelle hatte die längste, er konnte am lautesten knallen. Der Polizist war wohl hinter ihm her, konnte ihn aber nicht kriegen. Lurchs Jungen waren ausgezeichnete Schlagballspieler. Sie beherrschten dir Lage und waren sehr gefürchtet. Für Kranke taugte die Windischegasse nicht, es wohnten zuviel Kinder dort. Der beliebte Spielplatz war die Kirchgasse und der Kirchhof. Peterchen von der Pfarrei stand allein machtlos gegenüber. Wenn aber der Kommissarius kam, versteckte sich alles hinter Mauern und Türen. Doch das muss den bösen Buben von damals zur Ehre nachgesagt werden, während des Gottesdienstes waren sie still und andächtig in der Kirche und störten nicht durch Schreien und Toben wie heute. Der ‚Läutenant‘ Karl Adler, seines Zeichens Kalkant an St. Ägidien, wählte sich unter ihnen seine Adjutanten aus, die beim Läuten halfen oder ansagten, wer gestorben war, wenn die Stimmglocke ertönte.“

heiligenstadt.net

Quelle: Karl Stitz aus dem „Eichsfelder Heimatbuch“ 1956 – Rat der Stadt Heiligenstadt: Bild: Döring 1963 (coloriert)


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