Blog der Familie Schuster aus Heiligenstadt - Heiligenstadt im Eichsfeld

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Der Heiligenstädter Karl Stitz berichtet von der Windischen Gasse in Heiligenstadt um 1880 (2)

Heiligenstadt im Eichsfeld
Herausgegeben von in Heiligenstadt ·
Tags: WindischeGasse
„Besonderes Vergnügen gewährte der Wassergraben, der lang durch die Windischegasse floß. Sein Wasser kam aus dem Garten des Krankenhauses und mündete in den Schöllbach. Die Jungen bastelten Mühlräder und setzten sie geschickt an den Rand des Grabens, um sie vom Wasser treiben zu lassen. Alle Scheuer- und Abwaschwässer nahm der Graben geduldig auf, manchmal auch unaussprechliche Dinge. Unter unserer Brücke war ein Riß im Beton.

Dort sammelten sich die Pfennige und Fünfer, die versehentlich in die Scheuereimer geraten waren. Einmal war es sogar ein Fünfziger. Wir haben daraufhin den Riß mit Meißel und Hammer vergrößert. Zu gewissen Tageszeiten war die Gasse still und menschenleer. Dann saßen auch die Kinder um den Familientisch. Es wurden Tabake gestruppt und Nadeln gemacht, ein kärgliches Brot! Reginchen Bodmann, Grebenstein, Klaus, Anna Stitz, Blaubach und Kurze boten in ihren Kaufläden ländliche Erzeugnisse und Kolonialwaren feil.

Oft gab es ein Tütchen Bollchen zu. Bei Bodmanns wurden im Herbst große Wagenladungen Weißkohl angefahren. Alle Jungen halfen beim Abladen, Ausschneiden und Hobeldrehen. Dann wurde in der ‚Eichsfeldia‘ Sauerkraut in Tonnen und Oxhoft angeboten. Oxhoft ist zwar ein Weinmaß, aber es klang doch so empfehlend.  Fütterers betrieben Kohlenhandel, Bodes hatten Schuhe zu verkaufen. Die Auswahl war zwar nicht groß, aber sie genügte den Anforderungen. Beckmanns hatten eine Gastwirtschaft. Auch an Tischlern, Schlossern und Bäckern fehlte es nicht. Hantowis Fromm und Franz Huschenbett holten jeden Morgen die Backtröge auf Schiebkarrenab, um das Geknetete auszubrechen und zu Brot zu backen. Sogar eine Kaserne gab es. Dort lagen einst die Sechsundfünfziger in Garnison. Sie sollen nicht wiederkommen.

Obere und untere Windischegasse waren streng geschieden, was besonders in den getrennten Kirmesfeiern zum Ausdruck kann. Die Ägidienstraße war noch nicht. Dort stand ein Haus. Nur das Maigäßchen führte damals ‚hinter die Stadt‘. Es bildete die Grenze zwischen oben und unten. Im Oberland waren die Leute gemütlicher. Sie saßen sommers am Abend vor den Haustüren, wobei die neuesten Nachrichten von Mund zu Mund gingen … Der bekannteste Mann dort oben war Peter Feldmann.“

heiligenstadt.net

Quelle: Karl Stitz aus dem „Eichsfelder Heimatbuch“ 1956 – Rat der Stadt Heiligenstadt: Bild: Döring 1963 (coloriert)


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