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Mühlen – Relikte vergangener Zeiten oder Wegweiser für die moderne Technik? Teil 1

Heiligenstadt im Eichsfeld
Herausgegeben von in Heiligenstadt ·
Tags: Mühlen
Allgemeine Geschichte der Mühlen

Mühlen sind wichtige Begleiter der menschlichen Zivilisation und zeugen seit jeher von gesellschaftlicher und technologischer Entwicklung. Sie stellen die erste Nutzung der natürlichen Energieformen dar, die wesentlich besser für einen kontinuierlichen Mahlvorgang sorgten als die zuvor genutzte Muskelkraft. Die Erfindung des Zahnrads legte den Grundstein für die Wassermühlen.

Ihre erste schriftliche Erwähnung stammt vom römischen Architekten Vitruv, der sie im Jahre 24 v. Chr. beschrieb.  Die Römer verbanden die Technik zur künstlichen Bewässerung der Felder durch Schaufelräder der Ägypter mit der schon vorhandenen Mühltechnik und entwickelten somit die erste Wassermühle. Seit dieser Zeit blieb die Technik im Wesentlichen gleich. Sie wurde zwar im Verlaufe der Zeit immer weiter verbessert, jedoch nicht ersetzt. Die ursprüngliche Form der Wassermühle stammt vom römischen „mola aquaria“ ab und verbreitete sich während der karolingischen Zeit [751-911] unter Karl dem Großen in Deutschland.  Während seiner Herrschaft ließ er in der Nähe der Pfalzen [Orte, wo Könige und Kaiser während ihrer Reisen Hof hielten] Mühlen errichten. Mühlen auf deutschem Gebiet finden wir erstmals in der Limesregion Ettingen.

Es gab viele verschiedene Arten von Mühlen, doch die Wichtigste, aus ökonomischer Sicht, war die Getreidemahlmühle. Die Mühlen spielten eine bedeutende Rolle, da sie Produkte erzeugten, die für den Alltag lebensnotwendig waren. Es gibt kaum Aufzeichnungen über Mühlen im Mittelalter. Nur durch Mönche wurde das Wissen aus weiterentwickelten Gebieten nach Deutschland gebracht. Deswegen hatten die meisten Klöster eigene Mühlen.

Im 11. und 12. Jahrhundert bildeten sich verstärkt Städte in Europa. Der Bevölkerungszuwachs und der damit verbundene erhöhte Bedarf an verschiedenen Produkten, ermöglichten einen florierenden Handel und den Ausbau des Mühlennetzes. Viele Orts- und Städtenamen beinhalten deswegen heute noch „Mühlen“, wie zum Beispiel „Mühlhausen“.

Müller hatten im Mittelalter einen schlechten Ruf und wurden oft als Diebe bezeichnet. Das kommt vermutlich daher, dass die Bauern früher keine Kenntnisse über Gewichte und Maße hatten. Ein weiterer Grund ist, dass aus augenscheinlich viel Korn, relativ wenig Mehl entsteht.  Der schlechte Ruf der Müller änderte sich mit der Einführung der Zünfte im 13. Jahrhundert, die Zusammenschlüsse von Handwerkern und Interessengruppen waren. Durch die Müllerzünfte stieg das gesellschaftliche Ansehen und der Einfluss des Müllers. Seit dieser Zeit haben viele Mühlen Zunftwappen am Gebäude, wie zum Beispiel die Herrnmühle (siehe Kapitel 2.3.1.). Der durchschnittliche Lohn eines Müllers [„Malter“] betrug in den meisten Fällen ein Achtel vom Mehl seiner Kunden. Von der Malter musste der Müller sich und seine Familie und in manchen Fällen auch seine Bediensteten ernähren.  

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts bestand in Deutschland ein Mahlzwang. Das bedeutet, dass jede Mühle einen festen Kundenstamm besaß bzw. die Bauern durften ihr Getreide nur in einer bestimmten Mühle mahlen lassen. Dies endete mit der Einführung der Gewerbefreiheit im Jahr 1855. Dadurch kam es zu einem Aufschwung der Mühlenindustrie in Deutschland. Von 54.000 Wind- und Wassermühlen erhöhte sich die Anzahl auf 72.891.  Mit der Industriellen Revolution im späten 18. Jahrhundert, setzte in Europa ein stetiges Mühlensterben ein. Durch die Erfindung von leistungsfähigeren Technologien, wie die Dampfmaschine, der Walzenstuhl [Zerkleinerungsmaschine] und die Nutzung von neuen Transportmitteln war die Wind- und Wasserkraft der Mühlen nicht mehr gefragt. Konrad Adenauer erließ während seiner Zeit als Bundeskanzler der BRD 1956 ein Mühlengesetz. Dieses Gesetz sorgte dafür, dass kleine Mühlen ihre Arbeit einstellen mussten, sodass nur noch Großmühlen in Betrieb waren. Außerdem durften keine neuen Mühlen gebaut werden.  Das Ziel war eine Zentralisierung der Industrie und die Senkung des Mehlpreises.

Thomas Schuster Heiligenstadt

In der DDR wurden in den 1960er Jahren die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften [LPG] gegründet und es mussten viele Mühlen unter Zwang aufgegeben werden.  Die wenigen, die noch existierten, wurden nur zum Schroten von Korn verwendet. Somit begrenzte sich die Anzahl an Mühlen in Deutschland von ehemals ca. 72.000 im Jahr 1895 auf 261 im Jahr 2015.  

Heute hat sich die Bedeutung von Mühlen gewandelt. Die meisten haben den Betrieb aufgegeben und wenige werden nur noch zur Erzeugung von Energie durch Wasser- oder Windkraft gebraucht. Die meisten jedoch, sind dem Verfall preisgegeben. Die Hauptursache dafür ist, dass das Mehl von traditionellen Mühlen im Preis nicht mit dem von der modernen industriellen Großmühle mithalten kann, da sie viel effizienter arbeitet. Außerdem hat das Mehl von herkömmlichen Mühlen keinen einheitlichen Mahlgrad, was es für die Weiterverarbeitung in heutigen Bäckereien unbrauchbar macht.

Quelle: Braukmann/Schuster/Westerberg: „Mühlen – Relikte vergangener Zeiten oder Wegweiser für die moderne Technik?“ – 2018 - Ausschnitt von Alexander Schuster; Bild Herrnmühle 2004


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