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Die „Eisheiligen“-Theorie.
„Der Direktor des berühmten französischen Observatoriums in Bourges, Th. Moreux, stellt im „Petit Journal“ eine neue Eisheiligen-Theorie auf, die auch bei uns Interesse finden wird, besonders da leider auch wieder in diesem Jahre in vielen Gegenden unseres Vaterlandes die Maifröste der Obstblüte empfindlichen Schaden zugefügt haben.

Bekanntlich sollen nach dem Volksglauben der 10., 12. und 13. Mai die „kritischen“ Tage sein. Die Heiligen dieser Tage, Mamertus, Pankratius und Servatius, heißen darum auch allgemein die „Eisheiligen“. Tatsächlich lehrt nun die Statistik, daß während der letzter 40 Jahre jedesmal fünf Kälterückschläge im Mai zu verzeichnen waren; am 10., 16., 21., 26. und 30. Dann steigt die Temperatur rasch bis Mitte Juni, wo fast immer ein recht erheblicher Kälterückschlag die Regel zu sein pflegt.

Allgemein nimmt man an, daß der Grund dieser Erscheinung in dem Auftauen von gewaltigen Eismassen zu suchen ist, die aus dem nördlichen Polarmeer um diese Zeit abgetrieben werden und dabei in den Golfstrom geraten, dessen Temperatur sie dann beeinflussen, wodurch weiterhin auch die europäischen Küstenstriche in Mitleidenschaft gezogen werden. Einige Meteorologen haben diese Erklärung als nicht genügend abgelehnt. Sie meinen vielmehr, daß Tiefdruckgebiete aus dem Atlantischen Ozean die wahre Ursache der Maifröste seien. Aber die weitere Antwort, wie diese Tiefstände mit den Kältewellen zusammenhängen, oder woher sie kommen, sind sie schuldig geblieben. Direktor Moreux lehnt deshalb diese Theorie als zu wenig begründet ab, und sucht Kausal-Zusammenhänge herzustellen zwischen der unleugbaren Erscheinung der regelmäßigen Frühjahrseisschmelze im Polarmeer und bestimmten Vorgängen auf der Sonne.

Wenn die Frühjahrs-Tagundnachtgleiche die Polarzone wieder zu erwärmen beginnt, wirken die Sonnenstrahlen auf eine Eiskappe von 5.000 Kilometern im Durchmesser. An der Peripherie dieses gewaltigen Kreises und besonders in Grönland, wo man die meisten Eisberge beobachtet, gleiten die Eisblöcke ins Meer hinab, wobei sie dann besonders zahlreich in der Wasserstraße zwischen Grönland und Labrador umhertreiben. Sie schmelzen erst vollständig, wenn sie in den Golfstrom gelangen, der eine Temperatur von rund 24 Grad aufweist. Die bisweilen 250 Meter langen und bis zu 300 Meter aus dem Wasser herausragenden Eisberge müssen aber erst eine Strecke von ungefähr 2.000 Kilometern durchschwimmen, bis sie in den Golfstrom gelangen, und brauchen hierzu etwa drei Monate, da sie täglich etwa 20 Kilometer zurücklegen.

In der Zeit von Oktober bis Februar wird der Abtrieb des Eises in dem grönländischen Kanal durch die Winterkälte aufgehalten, aber mit dem Monat März beginnt dann die völlige Eisschmelze. Anfangs sind nur größere Schollen für die Ozeanschifffahrt gefährlich, im April aber kommen ganze Eisberge bis in die Fahrrouten hinein, die deswegen auch immer mehr nach Süden verlegt werden. Die Gefahren der Eisberge für die Schifffahrt kannte man längst, durchaus nicht erst seit der „Titanic“-Katastrophe im April 1912; denn schon seit dem Jahre 1887 werden täglich von Hydrographic Office in Washington Karten ausgegeben, in denen die Eisberge möglichst genau eingezeichnet sind.

Nun erblickt Direktor Moreux eben zwischen diesen schwankenden Ziffern und der unbestritten nicht immer gleichen Erwärmung durch die Sonne gewisse Zusammenhänge. Es ist nachgewiesen, daß die Erwärmung durch die Sonne wechselt und durchschnittlich alle 11 Jahre einen gewissen Höhepunkt erreicht. Dies muß natürlich auf die Polareisschmelze einwirken. Diagramme zeigen fast einen ganz genauen Parallelismus der beiden Kurven der „Sonnentätigkeit“ und der Menge der Eisberge; d. h. die Menge der Eisberge ist der größeren Sonnenhitze proportional. Daher muß man auch die Frühjahrsnachtfröste gewissermaßen voraussagen können. Und Tatsachen bestätigen diese Theorie. Man kann in der Tat seit einigen Jahren aus dem mehr oder minder starken Auftreten von Eisbergen an der Küste Grönlands mehr oder minder stärkere Kälterückschläge im Mai mit ziemlicher Sicherheit prophezeien.“

Quelle: Jenaer Volksblatt vom 14.05.1914
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