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Heimatgeschichten: Gruselgeschichten vom Amt Gieboldehausen

Heiligenstadt im Eichsfeld
Herausgegeben von in Eichsfeld ·
Tags: Gieboldehausen
Zum ursprünglichen Amt Gieboldehausen gehörten die Dörfer Bernshausen, Bodensee, Krebeck, Obernfeld, Rhumspringe, Rollshausen, Rüdershausen, Seeburg und Wollbrandshausen. Im Jahre 1525 kamen die Orte Desingerode, Esplingerode, Germershausen, Seulingen und Werxhausen hinzu.

1885 verlor der Flecken seinen Amtssitz an Duderstadt. Das Amtsgericht verblieb bis 1932 in Gieboldehausen.

Welche Rolle Gieboldehausen im Mittelalter spielte, zeigt die Tatsache, dass der Gieboldehäusener Amtsrichter der Stellvertreter des Oberamtmannes auf dem Rusteberg war.

Eine etwas gruselige Geschichte erzählt vom Schneider und dem Irrwisch:

„An einem schönen Spätsommernachmittag ging vor Zeiten ein Schneider aus Gieboldehausen nach Bilshausen, um dort ein Paar Ferkel zu kaufen. Er nahm einen leeren Sack mit sich, in dem er die Tiere tragen wollte. In Bilshausen ging er zu verschiedenen Bauernhilfen, hörte aber auf jedem, dass am Tag zuvor mehrere Harzer dagewesen waren, die alle Ferkel aufgekauft hatten.

Missmutig ging er zum Strohkrug, um seinen Ärger mit einigen Gläsern Branntwein hinunterzuspülen. Gegen Abend wanderte er in rosiger Stimmung heim. Er war noch nicht lange gegangen, als er rechts von der Landstraße auf einer Wiese, die zur Rhume hinführte, einen Irrwisch bemerkte, eine kleine leuchtende Gestalt, die hell flackernd hin und her hüpfte. Der Schneider erschrak zunächst sehr. Der Branntwein, der in seinem Kopf noch nachwirkte, nahm ihm dann aber die Angst. Er blieb stehen und beobachtete gespannt die Bewegungen des Irrwisches. Plötzlich kam ihm der Gedanke, er könne den Irrwisch fangen und mit nach Hause nehmen. An langen Winterabenden hatte er dann ein billiges Licht, und die Klagen seiner Frau über das teure Brennöl hörten auf. - Gedacht, getan! Der Schneider nahm seinen Sack von der Schulter, öffnete ihn und ging - das Herz klopfte ihm doch heftig dem hüpfenden Lichte nach. Aber das Einfangen ging nicht so leicht, wie er gedacht hatte. Immer wieder entwischte der Irrwisch. Zuletzt warf sich der Schneider mit dem geöffneten Sack auf ihn und der Irrwisch war gefangen. Nachdem der Schneider den Sack fest zugebunden hatte, nahm er ihn auf den Rücken und wanderte frohgemut nach Gieboldehausen.

Als er in die Nähe der Rhumemühle kam, begegnete ihm seine Frau, die durch das lange Ausbleiben ihres Ehemannes schon in Sorge geraten war. Der Schneider rief ihr zu: „Rat einmal, was ich in dem Sack habet.“ Und er begann, seiner Frau mit großem Eifer von seinem glücklichen Fang zu erzählen. Diese meinte jedoch: „In deinem Kopfe scheint es zu spuken. Dein Irrwisch wird wohl ein kleiner Schwips sein, den du dir im Strohkrug bei deinen Schnäpschen ein gefangen hast.“ Die beiden waren indessen zu Hause angekommen. In der Wohnstube band der Schneider seinen Sack auf und griff hinein. Zu seinem Entsetzen hatte er statt des Irrwisches einen Totenkopf in der Hand. Ein Schauer durchfuhr ihn, und er ließ den Schädel fallen. Kaum hatte dieser den Boden berührt, so kam Leben in ihn. Zuerst bewegte er sich langsam, dann begann er zu hüpfen. Immer größer wurden seine Sprünge, und zuletzt rumorte er von einer Ecke des Zimmers in die andere. Die Frau kreischte entsetzt auf und stürzte aus dem Zimmer hinaus. Dem Schneider standen die Haare zu Berge. Da fasste er sich ein Herz und griff nach dem Sack, um den Totenkopf wieder einzufangen. Nach großen Anstrengungen gelang ihm das endlich. Er schnürte den Sack fest zu, öffnete das Fenster und rief seiner Frau, die an allen Gliedern zitternd vor dem Hause stand, zu: „Komm nur herein, ich habe ihn wieder im Sacke!“ Erst nach wiederholtem Zureden betrat die Frau zögernd die vom Mondschein erhellte Stube. Dann sprach sie: „Bring mir aber gleich das Spukeding wieder fort, sonst bleibe ich keine Minute mehr im Hause!“

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Der Mann besann sich einen Augenblick, dann nahm er den Sack über die Schulter und entfernte sich. Im Fortgehen rief ihm die Frau noch zu: „Bring mir den Unhold wieder genau an die Stelle, wo du ihn gefangen hast, sonst kommt er womöglich noch wieder!“ Als der Schneider auf der Rhurnebrücke war, schlug die Turmuhr gerade die zwölfte Stunde. Es war ihm doch recht beklommen ums Herz; alle paar Augenblicke blieb er stehen. Endlich - er schien mit seinem unheimlichen Gepäck schon eine kleine Ewigkeit unterwegs zu sein - endlich war er an dem Ort, wo er den Irrwisch gefangen hatte. Er erkannte ihn an den drei Weidenbäumen, die in der Nähe standen. Da hörte der Schneider, wie es vom Turm im nahen Bilshausen eins schlug. Er öffnete schnell den Sack, und sofort sprang der Irrwisch heraus, hüpfte über die Wiese und rief dem Schneiderlein zu: „Wenn't jetz nick harre schlon eine, sau harre ek dek kaput ebroken Hals und Beine!“
Der Schneider aber lief, so schnell ihn seine Beine tragen konnten, nach Gieboldehausen, wo seine Frau ängstlich auf ihn wartete. Seit dieser Zeit bekreuzigte er sich immer, wenn er auch nur von ferne einen Irrwisch erblickte.“

Quelle: Christian Mecke – „Versunkene Schätze des Eichsfeldes - Die schönsten alten Sagen“ Bild: Gänsehirtenbrunnen an der Marktstraße


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